Ein Jahr nach dem Hurrikan "Katrina"
![]() Hurricans: Mehr, schneller, grösser ... | |
![]() und Katrina im 2005 traf New Orleans voll |
Hintergrund
Von Gabriele Chwallek, dpa
New Orleans (sda/dpa) Noch vor einem Jahr stand New Orleans für
Grössen wie Louis Armstrong, Mahalia Jackson, Fats Domino oder die
Marsalis-Brüder, für den Jubel und Trubel von Mardi Gras, für Gumbo
und Jambolaya. Wer heute an New Orleans denkt, denkt an den
Hurrikan "Katrina".
Der fürchterliche Sturm vom 29. August 2005 hat alles geändert,
eine neue Zeiteinteilung geschaffen: vor "Katrina" und nach
"Katrina".
Schon Jahre vor "Katrina" hatten Experten davor gewarnt, dass
die Dämme der zum grössten Teil unterhalb des Meeresspiegels
liegenden Stadt einem schweren Hurrikan der Kategorie 3 und darüber
nicht standhalten würden.
Trotzdem ist New Orleans erschreckend wenig vorbereitet, als
"Katrina" vorübergehend gar als Sturm der stärksten Kategorie 5
heranzieht und schliesslich am 29. August mit Windgeschwindigkeiten
von gut 200 Stundenkilometern auf das Festland prallt.
Wie heute - nach vielen Untersuchungen und noch mehr
gegenseitigen Schuldzuweisungen - feststeht, haben US-Stellen auf
allen Ebenen versagt.
Zu spät evakuiert
Bürgermeister Ray Nagin lässt die Stadt zu spät evakuieren,
Menschen in den ärmeren Gebieten wie der Lower Ninth Ward oder auch
im Bezirk St. Bernard vor den Toren der Stadt, die kein Auto haben,
bleiben zurück, rufen auf ihren Hausdächern um Hilfe, viele
ertrinken.
Das Stadion der Stadt wird zur letzten möglichen Zufluchtstätte
für 30 000 Menschen - und zu einem Symbol der Schande. Es dauert
Tage, bis Nahrung angeliefert wird, die unter unerträglichen
sanitären Bedingungen lebenden Menschen ein anderes Obdach finden.
Washington hilflos
Washington, allen voran die Behörde für Katastrophenmanagement
(Fema), scheint hilflos, gelähmt oder chaotisch. Erst hat man den
Hurrikan unterschätzt, dann dauert die Koordination der
Hilfsmassnahmen Tage.
Dann die Versprechen: "New Orleans wird wieder in voller Grösse
auferstehen", versichert Präsident George W. Bush, und der Kongress
sagt rasche finanzielle Hilfen zu.
Heute, zwölf Monate später, ist die Stadt Lichtjahre von der
Normalität entfernt, und in manchen scheint es fast, als habe die
Zeit nach "Katrina" stillgestanden.
Zwar hat wieder das traditionelle Mardi Gras stattgefunden und
auch das Jazzfestival, begleitet von Transparenten mit der stolzen
und tapferen Aufschrift "we are back", Touristen füllen wieder die
Bourbon Street mit Lärm und Abfällen. Aber es sind andere Bilder
und Zahlen, die die Realität widerspiegeln.
Erst die Hälfte zurück
Nur die Hälfte der vor "Katrina" in New Orleans lebenden 450 000
Einwohner ist bisher zurückgekehrt, und die meisten von ihnen sind
wohlhabend und weiss, während vor dem Sturm zwei Drittel der Bürger
in der Stadt Schwarze waren. Nach "Katrina" bestimmt noch stärker
als vorher das Geld, wer sich in dieser Stadt das Leben in einem
flutsicheren Viertel leisten kann oder nicht.
Nur knapp 60 der 125 öffentlichen Schulen werden zu Beginn des
neuen Schuljahres im September wieder in Betrieb sein, nur die
Hälfte der Schulbusse fahren, und lediglich drei von elf Spitälern
nehmen wieder Patienten auf.
Auf vielen öffentlichen Plätzen stehen Wohnwagen, dort leben
tausende Menschen. Sind mittlerweile auch über acht Millionen
Kilogramm Schutt abgetragen worden, türmen sich Trümmer an
Nebenstrassen und auf Mittelstreifen vielerorts weiter teils
meterhoch auf. Und immer noch werden Tote in leer stehenden Häusern
gefunden.
Chronologie
Hamburg (sda/dpa) Im Folgenden eine Chronologie der dramatischen
zwei Wochen, während derer der Hurrikan "Katrina" an der
US-Golfküste wütete:
23. August 2005: Hurrikan "Katrina" entwickelt sich aus einem
Tiefdruckwirbel über den Bahamas im Atlantik.
25. August: Mit Windgeschwindigkeiten um 130 Stundenkilometer
erreicht "Katrina" Florida und dreht kurz darauf in Richtung Golf
von Mexiko ab.
28. August: "Katrina" entwickelt sich zu einem gigantischen
Sturm. Mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 280 Stundenkilometern
wird der Hurrikan in die höchste Kategorie fünf eingestuft.
29. August: Als Sturm der Stärke drei trifft "Katrina" mit
Windgeschwindigkeiten von bis zu 205 Stundenkilometern und
sintflutartigen Regenfällen auf die Küste der US-Bundesstaaten
Louisiana, Mississippi und Alabama.
30. August: Nach einem Dammbruch strömen zusätzliche
Wassermassen aus dem Pontchartrain-See in die Strassen von New
Orleans.
31. August: Im Stadion von New Orleans warten 30 000 Flüchtlinge
auf Hilfe. Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, kündigt
an, die letzten 100 000 in der Metropole verbliebenen Menschen in
Sicherheit bringen zu lassen. Die grösste Rettungsaktion dieser Art
in den USA startet.
1. September: Wegen Seuchengefahr ruft die US-Regierung den
Gesundheitsnotstand aus.
3. September: Der erste Hilfskonvoi erreicht New Orleans. Dort
sind noch rund 50 000 Menschen eingeschlossen. Die US-Armee richtet
eine Luftbrücke ein. US-Präsident George W. Bush gibt Fehler bei
der Katastrophenhilfe zu. Das bestätigt auch der "Katrina-Report"
des US-Abgeordnetenhauses im Februar 2006. Der Regierung werden
Versäumnisse in 90 Fällen vorgeworfen.
4. September: Das Militär beginnt in New Orleans mit der Bergung
der Leichen, die Evakuierung ist weitgehend abgeschlossen.
"Katrina" enthüllte das hässliche Amerika - und blamierte Bush
Analyse
Von Laszlo Trankovits, dpa
New Orleans (sda/dpa) Hurrikan "Katrina" war nicht nur eine
Tragödie für Hunderttausende von Amerikanern an der US-Golfküste -
sie wurde auch eine der grössten Blamagen in der Amtszeit von
US-Präsident George W. Bush.
Die Naturkatastrophe enthüllte die hässliche Seite Amerikas:
Armut, Rassismus und Gewalt wurden weltweit sichtbar ins
Scheinwerferlicht getaucht. Das Desaster am Mississippi-Delta
entlarvte in diesem Fall die Unfähigkeit des nationalen
Katastrophenschutzes, die Zögerlichkeit des Präsidenten und das
miserable Krisenmanagement in Washington.
"Katrina" wurde auch für die Medien, amerikanische wie
europäische, kein Ruhmesblatt - zu sensationsheischend und
aufgebauscht waren viele Horror-Geschichten über angebliche
Massenvergewaltigungen und Mordorgien in den Flüchtlingslagern,
über ausgeflippte Heckenschützen und massenhafte Plünderungen.
Zwar kam es auch in den Tagen des Desasters zu Gewalttaten. Das
allerdings ist in New Orleans, einer Hochburg der Kriminalität in
den USA, stets so gewesen.
Der überforderte Präsident
Im Gedächtnis der Amerikaner ist aber wohl vor allem ihr
Präsident geblieben. Während die schrecklichen Bilder vom
zigtausendfachem Elend, von hilflosen Alten, Kranken und Kindern im
Wasser oder auf Hausdächern im überfluteten New Orleans um die Welt
gingen, gab es auch das Foto von Bush, wie er aus dem Fenster
seiner "Air Force One" auf das Katastrophengebiet hinab schaut.
Unvergessen ist sein Satz: "Ich denke, kein Mensch konnte das
Brechen der Deiche voraussehen." Dabei stand in jedem besseren
New-Orleans-Reiseführer etwas über die Furcht der Jazz-Metropole
mit ihren zu schwachen Deichen vor einem Jahrhundert-Sturm.
Nach "Katrina" bekamen die US-Bürger in Bush einen "König ohne
Kleider" zu sehen, sein Image als entschlossener Macher hatte arge
Kratzer bekommen. Die Amerikaner waren geschockt, die Popularität
des Präsidenten ging, auch wegen damaliger Skandale bei den
Republikanern, in den Keller. Bush erlebte in der Folge die
dunkelsten Monate seiner Präsidentschaft.
"Katrina war ein nationales Versagen, ... ein Sammelsurium aus
Fehlern, Versäumnissen und Absurditäten", hiess es schonungslos in
einem Kongress-Untersuchungsbericht. "Eine frühere Einmischung des
Präsidenten hätte die Hilfe beschleunigt", lautete die relativ
zaghafte Kritik der Kommission, die ausschliesslich republikanisch
besetzt war.
Sündenbock Fema-Direktor
Als Sündenbock hatte schon recht früh der schliesslich gefeuerte
Direktor der Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA), Michael
Brown, gedient - der bis heute behauptet, die Regierung habe auf
seine Mahnungen nicht angemessen reagiert.
Die Bilder aus dem überwiegend von Schwarzen bewohnten New
Orleans zeigten der Welt ein Amerika, wie es in den
Hollywood-Filmen selten vorkommt. Denn in den reichen USA leben
über 37 Millionen Menschen unter der offiziellen Armutsschwelle von
22 509 US-Dollar für eine vierköpfige Familie.
Und in keiner Bevölkerungsgruppe ist der Anteil der Armen so
gross wie unter den Schwarzen: Fast jeder vierte von ihnen zählt
dazu.
Und als dann in der Extremsituation von New Orleans einige Läden
geplündert wurden, zeigte sich eine andere Fratze der
US-Gesellschaft, der Rassismus. Denn für weisse Flüchtlinge, die
mit Wasserflaschen und Plastiktüten aus aufgebrochenen Supermärkten
kamen, gab es in manchen Medien eher verständnisvolle Worte über
die Notlage der Menschen. Waren es dagegen schwarze Amerikaner, war
schnell das Wort "Plünderer" zur Hand.





