Lawinenwinter 1999 im Berner Oberland
Bern (sda) Vor zehn Jahren versank das Berner Oberland im Schnee, Lawinen brachten Tod und Verwüstung, ganze Täler waren tagelang von der Aussenwelt abgeschnitten. So etwas hatten auch hartgesottene Bergler noch kaum erlebt.
Als es in den letzten Januartagen zu schneien begann, ahnte noch
niemand, wie dramatisch sich die Situation zuspitzen würde. Die
intensiven Schneefälle hielten jedoch an und bald lag der Schnee in
den Bergen meterhoch.
In Mürren etwa, auf 1600 Meter über Meer, betrug die
aufsummierte Neuschneemenge im Februar fast sechs Meter, wie der
Kanton später in einem Bericht vermerkte.
Tote in Wengen
Dann der Schock: In der Nacht auf den 8. Februar donnert vom
Westhang des Tschuggen hoch über Wengen eine Lawine hinunter auf
das "Café Oberland" am Ortsrand. Das einheimische Besitzerehepaar
konnte nur noch tot aus den Schneemassen und Trümmern geborgen
werden.
In den kommenden Stunden und Tagen häuften sich die Meldungen
über Lawinenabgänge im ganzen Berner Oberland. Auch wo seit
Menschengedenken keine "Loui" mehr gekommen war, stürzten plötzlich
die Schneemassen zu Tal. Strassen und Schienen wurden verschüttet,
Brücken weggerissen und Häuser, Scheunen und Ställe beschädigt und
zerstört.
Eilig wurden Verkehrswege gesperrt, bedrohte Häuser, ja ganze
Dorfteile und Weiler evakuiert. Über 1700 Personen mussten ihre
Häuser verlassen. Manche Dörfer konnten nur per Luftbrücke versorgt
werden. Zu hunderten wurden Touristen ausgeflogen. Krisenstäbe,
Strassen-, Bahn- und Pistendienste standen im Dauereinsatz.
Erst gegen Anfang März begann sich die Lage zu entspannen. Nun
frassen sich schwere Baumaschinen durch die meterhohen Schnee- und
Schuttkegel. Die Aufräumarbeiten sollten noch Wochen dauern.
Aufs Existenzielle reduziert
Die Oberhasler Regierungsstatthalterin Yvonne Kehrli-Zopfi
erinnert sich heute vor allem an die grosse Solidarität mit
der betroffenen Bevölkerung, wie sie in einem Interview mit dem
"Berner Oberländer" sagte. Und an die Langsamkeit, die plötzlich
mit dem Erliegen der Mobilität Einzug hielt.
"Die Leute wurden sich bewusst, wie schnell man sich aufs
Existenzielle reduzieren kann", blickte Kehrli zurück.
Nach den Lawinen das Hochwasser
Doch mit dem Lawinenwinter war der Schrecken noch nicht
ausgestanden. Die ungeheuren Schneemengen in den Bergen sorgten im
kommenden Frühjahr zusammen mit starken Niederschlägen für
verheerende Hochwasser mit Millionenschäden.
Die vermeintlich gebändigte Natur zeigte einmal mehr ihr
gewaltiges, rohes und unberechenbares Gesicht. Vielen wurde erst
recht bewusst, mit welcher Leichtigkeit sich die Natur über die ihr
von Menschenhand gesetzten Schranken hinwegsetzen kann.
Mit einem Mal rückten Klima- und Umweltschutzfragen stärker ins
Rampenlicht. Die bisher angenommenen Worst Case-Szenarien mussten
revidiert werden.
Die Unwetter von 2005, die in Brienz Tote forderten, und jene von
2007, die bröckelnden Felsen am Eiger oder die Bedrohung durch
auslaufende Gletscherseen zeigen, dass die Fragen seit dem
Lawinenwinter 1999 nichts von ihrer Aktualität eingebüsst haben.



